Ich habe das Thema schon im alten Forum angesprochen, aber das ist ja jetzt leider nicht mehr da.
Also, was meint ihr: sind wir Russlanddeutsche eine eigene "Nationalität"?
Ich muss dazu sagen, was ich hier mit "Nationalität" meine. Ich meine damit eher Kulturgruppe als alles andere.
Diese Frage beschäftigt mich schon seit Jahren.
Zu meiner Vorgeschichte:
Ich bin in Sibirien geboren und meine Familie ging 1990 nach Deutschland, als ich 9 war. Meine Schwester war 7.
Man hat uns damals ziemlich stark eingebläut, dass wir möglichst immer und überall Deutsch reden sollten. Unsere Namen wurden eingedeutscht und irgendwann haben meine Schwester und ich auch angefangen, auch zu Hause, Deutsch zu sprechen.
Während der Schulzeit bestand der Freundeskreis meiner Schwester fast nur aus Russlanddeutschen.
Meine Schulklassen und mein Freundeskreis bestand zu 100% aus einheimischen Deutschen.
Das Resultat am Ende meiner Schulzeit (ich beendete mit 17 die Realschule in der 10. Klasse) war:
Meine Schwester konnte doppelt so gut Russisch wie ich.
Auch beziehungstechnisch hat sich bei mir (außer in frühen Teenager Jahren mal) nie was ergeben, dass ich eine russlanddeutsche Freundin gehabt hätte. Keine bewusste Wahl meinerseits. Kam einfach so.
Dann ging ich mit 19 nach Schottland. Dort hatte ich weder Kontakt zu Deutschen, noch zu Russen. Das war richtig super, weil ich voll in die Sprache eingetaucht bin. Und die von euch, die wissen, wie Schotten reden, werden wissen, wie schwer das sein kann. Beispiel:
(Der Sprecher im Intro spricht normales Englisch, dann geht der schottische Dialekt los)
Ich konnte vorher schon ganz gut Englisch, aber nach einigen Monaten war ich auch in diesem Dialekt voll zu Hause.
Dann traf ich auf einige Asylanten aus den früheren Sowiet-Republiken (Litauen, etc.) und die konnten weder Englisch noch Deutsch (logischerweise). Ich traf zum Beispiel eine Familie in der Kirche. Sie gingen hin, obwohl sie kein Wort von dem verstanden, was gesagt wurde. Sie gingen einfach hin, um unter Gläubigen zu sein.
Also ging ich zu den Gottesdiensten mit ihnen und übersetzte - so gut es ging. Dadurch ergaben sich einige wundervolle Freundschaften und ich tauchte wieder voll in die russische Sprache ein. Es war großartig. Sie waren einfache und wunderbare Menschen. Echte Christen.
Und plötzlich sprach ich besser Russisch als jemals zuvor!
Aber ich merkte trotzdem, dass ich nicht wirklich russisch war.
Als ich dann mit 25 wieder nach Deutschland kam, freute ich mich richtig auf die Russlanddeutschen. Durch meine verstärkten Russischkenntnisse, dachte ich, finde ich sicher Anschluss!
Aber irgendwie hat das nie richtig hingehauen. Ich werde von Russlanddeutschen irgendwie nie als einer von ihnen "erkannt". Erst wenn ich anfange auf Russisch zu reden. Und selbst dann ist eine Art Distanz zu spüren. Aber vielleicht ist es auch teilweise unbewusst von meiner Seite aus.
Aber wenn ich mit richtigen Russen über längere Zeit rede (also mit Russen in Russland), merke ich noch viel viel deutlicher, wie groß der Unterschied ist zwischen "echten Russen" und uns Russlanddeutschen.
Ebenso wenig aber fühle ich mich bei den einheimischen Deutschen zu Hause. Vor allem dann nicht, wenn sie - nicht wissend, dass ich selbst einer bin - in meiner Gegenwart über Russlanddeutsche bzw. "Russen" herziehen. Bitte nicht falsch verstehen: das tun nicht alle. Ich verallgemeinere hier nur, um meinen Standpunkt rüber zu bringen.
Genauso unangenehm ist es mir, wenn ich (vor allem mit männlichen) Russen zu tun habe, die ausländer- und schwulen-feindlich sind. Oder übertrieben macho-mäßig. Ist einfach nicht meine Welt. Wenn man einen getrunken hat und am Feiern ist, werden die Witze auch mal derber - ist ja auch nichts dabei. Aber ich meine etwas anderes.
So wälzt sich also seit Jahren schon in mir die Frage: wer bin ich? Deutscher? Russe? Russlanddeutscher?
Ja, ich weiß: ich bin in erster Linie Mensch. Das weiß ich selber. Aber die nationale und kulturelle Identität ist eine sehr wichtige Sache im Leben eines Menschen. Vielleicht kann man das auch nur selbst verstehen, wenn man es selbst erlebt.
Ich habe für mich noch keine Antwort auf diese Frage gefunden. Das, was alle immer als "Heimat" und "meine Menschen" bezeichnen, ist mir bisher verschlossen geblieben. Nicht falsch verstehen... Ich fühle mich meist in beiden "Lagern" wohl. Aber dieses "ja, Heimat" Gefühl habe ich noch nie gehabt. Und auch wenn es verrückt ist, etwas zu vermissen, was man nie kannte - so ist es dennoch so.
Kennt sonst jemand noch dieses Gefühl?
Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie gerne behalten.
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Frag ich mich , vor allem meine Kinder aber , sich auch .
Ich selber bin wohl theoretisch ein ( "richtiger " ) einheimischer Deutscher , in der Praxis ,nach vielen Jahren in der damaligen UdSSR aber eben doch nicht .
Meine Frau war nunmal eine Tatarin und wir lebten , dienten dort im großem Land an den verschiedensten Orten .
Von Belarus , Ukraine , über Georgien , Usbekistan , Kasachstan bis an die fernöstl. chinesische Grenze .
Zurück gekommen , als es meine alte Heimat ( die DDR ) so nicht mehr gab , fühle ich mich heute manchmal wie im Exil ( in dem man zufällig Deutsch spricht )
( Übrigens hielten wir trotz und gegen offizielle Regeln durch , daß meine Frau Russisch , und wenn sie gut gelaunt war Tatarisch sprach und ich Deutsch . Noch heute können die Kinder Russich , Deutsch , Tatarisch - und die Modesprache Englisch natürlich )
Mein ältester Sohn Sergej wuchs auf als typischer Russe , war Pionier und Komsomolze ( wie der zweite auch ) lernte , wärend er bei den WDW diente eine Mascha kennen , studierte danach und lebt mit ihr an der Wolga eben als Russe , wie er sich fühlt .
Mein zweiter Sohn durchlebte schon nur noch die letzten Jahre der UdSSR , war zwar auch noch Pionier und Komsomolze , stellte sich dann aber schnell auf Deutschland ein .
Lernte hier in D. eine Beruf , hat eine Partnerin und mit ihr einen Buben ( hat mich zum Opa gemacht der unredliche Jugendliche ... )
Der sieht sich als Deutscher .
[ Gibt nur manchmal kleinere Problemchen , wenn z. Bsp . Rußlanddeutsche über sein Mädel lästern ...oder Machosprüche ablassen .... denn er versteht da keinen Spaß . Und mit 1,84 und 90 Kg , zumal als Kampfsportler .... nunja ]
Und Irina , meine Nesthäkchen , erinnert noch die Kindheit in der UdSSR , aber unsere Erinnerungen , Fotos manche familiäre Geschichte alte Filme usw. sind für sie wie aus einer längst vergangenen Märchen - Welt .
Die hat hier in d. Abi gemacht , aber sich ausgesucht ausgerechnet in St Petersburg zu studieren .
Die sagt eine Deutsche ist sie nicht , eine Russin aber auch nich . Scherzhaft sagte sie mal , Sie sieht sich als Weltbürger ....
[Nun das Studium ist voll auf Englisch ... andere Sprachne sind - wer weis wo die mal letztendlich landet ? ]
............
Ich erinnere mich an den alten Tread diesbezüglich .
Damals sagte ich sinngemäß so , macht Euch nicht klein !
Ihr seid den anderen Voraus , denn Ihr tragt die Deutsche Kultur ebenso in Euch wie Teile der russischen , der Kasachischen usw. .....
Ihr seid ( so in etwa meinte das eben meine Kleine auch ) Weltbürger .
herzl . Grüße ! Robert
PS:
In der Kampfsportgruppe , im FS - Sportverein aber auch als Nachbarn im Ort habe ich eine Reihe Rußlanddeutsche .
Ich mache denen immer Mut zum Selbstvertrauen ....
Und rate ihnen , sich nicht zu bemühen sozusagen bessere Deutsche als die Alteingessenen sein zu wollen .
Das geht schief ( leider versuchen das aber vor allem die Älteren öfter und werden enttäuscht )
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Wo kämen wir hin ?
Gingen wir hin , um zu sehen wohin wir kämen ...
Heimat war für mich immer dort wo Ljuda und die Kinder sind .
( Ich weis nicht inwiefern Du eine Frau , eine große Liebe usw, hast )
Ich denke , wenn der Tag kommt daß Du eine solche Liebe findest und ein Kind da ist ... dann wird das deine Heimat sein .
Und sei es auf dem lila Planeten der grünen Affen
[ Aber schützen davor , daß Du vielleicht bei russichen Liedern feuchte Augen kriegst .
Oder Du im Traum Mama,s Borscht schmeckst und mit klopfendem Herzen aufwachst .... wird dich das auch nich ]
Du hast eben ein Stück mitgekriegt von dem , was ich immer die russische Seele nenne ...
und da kannste alt und grau werden - das bleibt , ob Du wilst oder nich
herzlichst ! Robert
Letzte Änderung: 04.03.2010 00:52 von Robert.
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Wo kämen wir hin ?
Gingen wir hin , um zu sehen wohin wir kämen ...
O.k. eigentlich kann ich nicht mitreden..aufgrund meines Alters und dem nicht vorhandenen Bekanntenkreis (ich tus trotzdem)
Die Russlanddeutschen wären gerne Deutsch,sind es aber nicht da sie in R groß geworden sind,mit den entsprechenden Sitten/Gebräuchen und gleichzeitigem festhalten an der deutschen Spreache und Traditionen
Somit schon damals gefangen in zwei Welten
Die Deutschen die damals vertrieben wurden und heute wieder zurückkehren..Besuch/Heimweh werden ebenfalls enttäuscht,nichts ist mehr wie früher
Die Zeit läßt sich nicht mehr zurückdrehen;teilweise/größtenteils; leider
Man muß versuchen für sich den richtigen Weg zu finden,ich mußte das auch erst lernen auch wenn ich nicht diese Probleme hatte
Wenn ich jemanden auf die Zehen getreten haben sollte tuts mir leid,ich kann nur versuchen meine Sichtweise deutlich zu machen
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Russland ist mit dem Verstand nicht zu begreifen
Mit gewöhlichem Maße nicht zu messen
Es hat ein besonderes Wesen
An Russland kann man nur glauben"
Fjodor Ivanowitsch Tjutschew (1803-1873)
Das habe ich gemeint
- als ich weiter oben über die " macht euch nicht klein ! " Sache geredet habe .
Man muß versuchen sein Leben so zu leben , wie man selber in sich drinn es fühlt .
Da kann weder die Oma ( die schon in Kasachstan total Deutschen Verehrein war ) noch der kleine Bruder der sich , ( was übrigens nicht so selten ist wie man denken könnte ) als kleiner Nazi oder als Total - Russe mit Saufen , Machosprüchen usw. aufspielt ....
Jeder muß seinen eigenen Pfad finden .
Und wenn es dann noch mit derNachbarin klappt siehtdie Welt gleich freundlicher aus
Gruß ! Robert
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Wo kämen wir hin ?
Gingen wir hin , um zu sehen wohin wir kämen ...
ja,genau
@ Robert:mit dir zu reden tut echt gut,ich fühl mich bei dir richtig gut aufgehoben
Und manche deiner posts bringen mich auch zum schmunzeln
Letzte Änderung: 04.03.2010 01:06 von ischara.
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Russland ist mit dem Verstand nicht zu begreifen
Mit gewöhlichem Maße nicht zu messen
Es hat ein besonderes Wesen
An Russland kann man nur glauben"
Fjodor Ivanowitsch Tjutschew (1803-1873)